7. Nacht:  Gelassenheit

<xx>   Es ist erstaunlich, wie viele junge Leute nachts "feiernder Weise" unterwegs sind, also ich meine werktags, nicht an den Wochenenden und mit "feiern" meine ich ein beinahe besinnungsloses Besaufen oder Zudröhnen mit anderen Drogen und diversen Narkotika. Bisher in jeder Nacht zwischen 1 Uhr und 4 Uhr sehe ich um die 20, 30 solcher Leute. Meist junge Männer in kleineren Gruppen zu dritt bis fünft aber nicht nur, aus größeren Gruppen dringen immer dieselben schrillen weiblichen Laute. Und wie selbstverständlich wird beim lärmenden Vorüberwanken an der Baustelle ihr abgesperrter Randbereich gekapert, Begrenzungen grölend niedergemacht, Blechschilder in angrenzende Beete verfrachtet und das alles nur, um dort zu urinieren oder zu kotzen. Menschheit, du bestehst aus feingeistigen edlen Wesen.

Nebenan befinden sich gleich mehrere Studentenwohnheime. Keine Nacht, in der nicht bis gegen zwei, drei Uhr Party gemacht werden würde. Drinnen und draußen auf den Straßen. Mit allem, was dazugehört: Laute Musik, Singen, Tanzen, Streetball-Spielen, Kreischen, Wüten, Hauen, Zanken, Lachen, Grölen, Schreien, Motorengeheul, Reifenquitschen - halt das volle Programm.

In und auf den umliegenden Straßen und Plätzen (ich habe eine recht weite Übersicht) patrouillieren mehr Polizeifahrzeuge (auch in Zivil, die erkenne ich auf den ersten Blick) als normale Verkehrsteilnehmer, ein schieres Eldorado für unsere Ordnungshüter. Nun muss ich einschränken, dass die Hauptwache der Polizei nicht weit entfernt liegt. Asche auf mein Haupt, liebe Polizisten, die ihr eure Nächte größtenteils mit diesen Testosteron gesteuerten und den Verstand vorübergehend abgeschalteten Jungmännern verbringen müsst. Das ist bestimmt sehr unangenehm, und es würde mich nicht wundern, wenn das Bild der Menschheit beim ein oder anderen altgedienten Streifenpolizisten dabei echten Schaden nimmt.

Nun kann ich als älterer Herr (edit: na gut, fast) aber nicht die große Klappe haben von wegen Vernunft, Anstand und Sitte und so, denn entgegen manch anderer Körperfunktionen, lässt mein Gedächtnis mich bisher noch nicht im Stich - die Erinnerungen an Zeiten meiner eigenen jungen aufstrebenden Triebe und Entdeckungen aller Art, lassen mich meine heutige Abgeklärtheit doch als ziemlich relativ erachten. Ich will nicht verhehlen, dass mir aus heutiger Sicht auf manche jahrelang weinselig und dümmlich grinsend vorgebrachte Jugendanekdote doch die Schamesröte zu Kopfe steigt. Wer an meiner Baustelle des nachts vorübergeht und einen roten Lichtschein wahrzunehmen glaubt, der irrt nicht und weiß nun, es ist der Georg, der gerade über seine Jugenderlebnisse sinniert.

Jedenfalls kann ich all den Zeitgenossen, die sich angesichts des vermeintlichen Verfalls der Sitten empörend zu Wort melden, mehr Gelassenheit empfehlen und ihnen ein Stöbern im virtuellen Bilderbuch eigener Erinnerungen ans Herz legen - das hilft dabei sehr.