13. Nacht:  Hetze über Wachleute / Die Baustelle verändert sich

<xx>   Nun geht's nach den Übergriffen der Wachleute im Asylwohnheim mal wieder los, das allgemeine Wachmann-Bashing ist wieder angesagt. Arno Frank von Spiegel-Online legt schon mal vor: Mit Halbwahrheiten und einfacher Rhetorik schlägt Frank zu. Mein Gott, als Student hatte ich u.a. in Restaurantküchen zur Aushilfe gearbeitet - diesen Erfahrungen nach dürfte ich nie mehr ein Restaurant betreten. Ich erspare mir, mühselig jetzt Satz für Satz Franks dümmliche Worte hier zu widerlegen, denn es ist sowieso ein in typischer Spiegel-Manier verfasster Artikel, der mit Wissen und Fakten gar nichts zu tun haben will. Nur die folgende Bemerkung sei mir gestattet:

Gewalt "nach unten weiterreichen", Übergriffe gegen Menschen aus bestimmten Machtpositionen heraus sind keine Alleinstellungsmerkmale einer bestimmten Berufsgruppe und werden nicht vermehrt von Menschen "am Rande der Gesellschaft" ausgeübt, das wäre schön einfach, sie so erklären zu können. Gewalt und Übergriffe auf andere Menschen stehen niemandem auf die Stirn geschrieben, sie sind in allen Gesellschaftsschichten gleichermaßen zu Hause. Über die Ursachen dieser Gewalt finden sich Bibliotheken der Erklärungsversuche etlicher kluger Menschen. Im übrigen gehört jeder Rand der Gesellschaft immer auch zur Gesellschaft. Wer damit beginnt, einen Rand bereits auszugrenzen, wird damit den Kreis der Gesellschaft logischer Weise stetig enger ziehen, da natürlich immer wieder ein neuer Rand entsteht. Am Ende bleibt er, der die anderen ausgrenzende, alleine als Gesellschaft übrig. Aber mit Intelligenz darf man solchen "Journalisten" wie Arno Frank nicht kommen.

Halbwahrheiten mit einer Schwarz-Weiß-Sicht zu vermengen und damit dann gegen andere Menschengruppen zu hetzen, ist so alt wie die Menschheit selber. Immer wieder wird solchen Hetzern Beifall geklatscht, statt ihren geäußerten Unsinn zu hinterfragen. Es ist das Gros der Spiegel-Leser, das nicht wissen will, nicht zu lernen bereit ist, das sich keine Infos aneignen möchte, das aber hofft, in seinen eigenen Vorurteilen Bestätigung zu erfahren - diese Leser darin zu bedienen, ist kein Journalismus, sondern die billigste Hurerei mit Worten.

Aber was soll's, ich rege mich über solche kleingeistigen Menschen wie Arno Frank heute Nacht nicht weiter auf.

Jede Nacht erwartet mich in gewisser Weise eine neue Baustelle, alles verändert sich täglich dort. Neue Räume werden erstellt, neue Decken eingezogen, Wände errichtet, wo vormals Durchgänge waren, Wege umgeleitet und neu gelegt, Eingänge verschwinden, andere werden geöffnet und Fortschritte werden gemacht. Gerüste wachsen empor und schrumpfen wieder, sind fort, um in der nächsten Nacht doch an anderer Stelle erneut aufzutauchen. Fenster werden eingebaut, wo bisher Mauerdurchbrüche klafften, Böden gefliest, auf denen wir gestern noch in Sand und Erde gingen. Gräben werden ausgehoben und anderntags zugeschüttet. Im übertragenen Sinne alles wie das Leben, das sich um einen herum ständig ändert, verwandelt, umgestaltet. Ich komme mir dabei vor wie eine Figur, die sich in Zeitlupe regt aber um die herum sich alles in Zeitraffer bewegt. So ein ameisenartiges emsiges Treiben, ein immer schneller werdendes Gewimmel - aufbauen, abbauen, verschieben, drehen, wenden - in Bewegung, schneller, weiter, höher. Alles dreht sich um einen herum, ich drehe mich, schaue nach oben, nach unten, zur Seite, überall solch ein Gewusel …

"Und plötzlich stehe ich wieder vor dem Spiegel, mir ist schwindlig, ich setze mich, ich staune …" Ja, das habe ich schon mit 18 Jahren so gespürt. Nicht depressiv, kafkaesk irgendwie.

Jetzt gerade nieselt es aber es ist noch mild, Elli und ich gehen eine nächste Runde. Man liest sich.