15. Nacht:  Tag oder Nacht

<xx>   Heute kam ein netter Mensch zu mir nach Hause, hat mir etwas gebracht. Gerne hätte ich ihn hineingebeten auf ein lecker Tässchen Kaffee oder so, doch es war 13 Uhr - 1 Uhr für mich und da lag ich gerade mitten im Tiefschlaf.

Es ist etwas, das man der "normalen Welt" nicht erklären kann - oder erklären zwar schon, doch es kommt dort verständlicher Weise niemals so richtig an - nämlich mein um 12 Stunden zeitversetztes Leben. Während ich hier auf Arbeit bin und gerade mein Mittagessen zu mir genommen habe, schläft diese normale Welt exakt so wie ich es um 13/14 Uhr auch mache. Stelle dir vor, ich würde bei dir für einen Besuch zum Nachmittags-Kaffee um 4 Uhr an der Haustür klingeln.

Nicht einmal die eigene Firma verhält sich entsprechend, dabei besteht sie zu 90% aus Nachtarbeitern. Ist etwas aktuelles außerhalb des Plans zu regeln, rufen die Kollegen und oft sogar die Chefin wie selbstverständlich im Laufe des Tages an, wohl wissend, dass der Angerufene (das machen sie auch bei Kollegen so) mitten in seinem Schlaf liegt. Deshalb stelle ich sämtliche Klingeln tagsüber ab aber eigentlich sollte ich das nicht tun müssen, zumindest was die eigene Firma betrifft. Du erkennst hieran die Unmöglichkeit des Verständnisses bei Tagmenschen für das Leben der Nachtmenschen, denn wenn dies sogar der eigene Wachschutz missachtet, wie soll es ein normaler anderer Mensch dann verstehen? Ich meine das ohne jeden Vorwurf, einfach nur mal erwähnt.

In diesen Erklärungsversuchen bin ich ja trotzdem ziemlich hartnäckig. Schon mehrmals hatte ich nach solchen täglichen Missachtungen meiner Nachtruhe in der darauf folgenden realen Nacht meiner Chefin gegen 3 Uhr eine SMS als Antwort zu irgendwelchen Dienstanweisungen geschickt. Wenn sie sich dann darüber empörte, hatte ich es leicht, entsprechend zu antworten, da sie mich ja ihrerseits aus dem Schlaf gerissen hatte. Das hilft dann auch tatsächlich für einige Wochen - aber danach reißt der Schlendrian am Ende doch immer wieder ein. Man kann sich im Endeffekt nur vollkommen von der Außenwelt abschotten. Tja, und das wurde also heute dem überraschenden Besuch zum Verhängnis, bei dem ich sogar gerne eine Ausnahme gemacht und ihn hinein gebeten hätte.

Nun tritt dieses Problem im Alltag natürlich seltener auf als momentan bei meinem 30-tägigen Sonderdienst, denn normaler Weise gibt es genug freie Tage zwischen den Schichten, um am Tagesgeschehen teilhaben zu können. Vor kurzem meldete sich aber auch wieder jemand, der genau wusste, dass ich mich in meinem Nachtturnus befinde aber wollte dennoch auf einen Smalltalk vorbeischauen. Als ich ihm dann sagte, es sei kurz nach "meinen" 6 Uhr und ich befände mich noch ungewaschen bei der ersten Tasse Kaffee und werde jetzt gleich erst mal in aller Ruhe frühstücken, hörte ich geradezu die Verblüffung am Telefon. Denn in diesem Moment wurde meinem Gegenüber erst wirklich bewusst, dass er wohl sicher ebenfalls befremdlich reagieren würde, wenn ich morgens um 6 Uhr kurz vor seiner Arbeit bei ihm auf einen Plausch anklingelte.

Jetzt und hier hätte ich alle Zeit der Welt für ein menschliches Miteinander, doch nun befindet sich die normale Welt ihrerseits mitten im Schlaf.

Macht Nacharbeit demnach einsam? Nein! Ganz und gar nicht. Sie ist in vielen Bereichen sogar erholsam, es sei denn, man kann oder mag nicht leben, ohne täglich mit anderen Menschen beisammen zu sein, und es kommt selbstredend auch auf die Art der Arbeit an. Ich empfinde die Nachtschichten nach wie vor als eine Art Klausur, als Entschleunigung von der umtriebigen Welt. Danach, nach Ende der 30 Nächte, kann ich anderen Menschen sehr viel ausgeruhter und somit aufmerksamer begegnen. Gespräche finden dann bewusst statt, nicht beiläufig. Und meine Sichtweise mitunter auf Alltagsprobleme ist oft eine wesentlich weitere. Wenn man mal ein paar Schritte zurück tritt und das Treiben aus wenigen Metern Abstand als Ganzes betrachtet, sieht man nicht selten Lösungen vermeintlicher Probleme offen aber bisher unerkannt daliegen oder erkennt Zusammenhänge viel leichter als jemand, der mitten im Ameisenberg steckt. Solcherlei Gespräche im Bewusstsein unterschiedlicher Perspektiven werden wertvoller für beide Seiten. - Nein, die Nachtarbeit macht überhaupt nicht einsam, sie schärft die Sinne und lehrt einen, schnell das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen.

Und außerdem habe ich ja dich als virtuelles Gegenüber in diesem Tagebuch. Dem Internet sei Dank, eine geniale in mehrfacher Hinsicht menschliche Erfindung.

So, Elli steht schon neben mir parat, sie fordert ihren Rundgang, will die Häschen auf den umliegenden Wiesen begucken. Mehr is' ja nich' drin für mein liebes Zweieinhalbbein.