21. Nacht:  Wachen oder schlafen?

<xx>   "Wie ist das eigentlich, schläfst du nachts auf Arbeit nicht ein?" Ich kann nicht mehr zählen, wie oft mir diese Frage schon gestellt worden ist. Das Thema Schlaf bzw. Schlafbedürfnis ist - Achtung, es folgt mein Lieblingssatz: ein so gigantisch weites Feld :-)

Schier unendliche Faktoren spielen hierbei ihre Rolle. Zuerst steht aber vor allen Gründen für oder gegen Nachtarbeit der individuelle Biorhythmus. Wer von Natur aus tagaktiv ist, wird niemals längere Zeit nachts arbeiten können. Umgekehrt ist es leichter, wenngleich auch dann die Arbeit nie zufrieden machen kann oder man optimale Leistungen zu erbringen in der Lage ist. Wer also zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens grundsätzlich ein Leistungshoch verspürt, ist perfekt für die Nachtarbeit geeignet.

Alle anderen Gründe oder Voraussetzungen, die notwendig für die Nachtarbeit sind - wie etwa die Möglichkeit eines störungsfreien Schlafes tagsüber, die Familiensituation, halt das ganze soziale Umfeld usw. - also all diese Voraussetzungen werden sich im Laufe der Jahre bei jedem Menschen ziemlich automatisch entsprechend einfinden. Das ist meine Erfahrung auch aus Gesprächen und Kenntnis der Umstände bei Kolleginnen und Kollegen. Wer aber gegen den eigenen Biorhythmus trotz guter Bedingungen tagsüber nachts arbeitet, wird es immer nur für eine zeitlich befristete Dauer tun und später wieder eine Tätigkeit am Tage finden und ausüben.

Mir kommt die Nachtarbeit nicht nur meinem Biorhythmus entgegen, im Laufe der Jahre habe ich sie sogar wirklich zu lieben gelernt - ich fühle mich pudelwohl in der Nacht, wenn andere schlafen.

"Also schläfst du nun nachts ein oder nicht?" Nu' ma' langsam. Ein Einnicken, unter dem ich den sogenannten Sekundenschlaf verstehe, ist immer, überall und zu jeder Tages- und Nachtzeit möglich. Auch ich bin schon hin und wieder im Sitzen eingenickt - vornehmlich zu Hause nach dem Essen vorm TV, aber sogar schon im Auto auf der Autobahn. Nur das pure Glück oder die Aufmerksamkeit anderer Verkehrsteilnehmer, die dies bemerkt und mich mittels ihrer Hupe im wahrsten Sinne aufgeweckt hatten, ist zu verdanken, dass ich hier und jetzt diese Zeilen schreiben kann. Bein Einnicken spielt neben der Tagesform auch die momentane seelische Verfassung und eigentlich alles Mögliche eine Rolle, es hat aber mit der Nachtarbeit "an sich", wie der Rheinländer sagt, nichts zu tun. Tatsächlich eingeschlafen bin ich in fast 30 Jahren während der Arbeit nachts noch nie.

"Woher stammt denn das Vorurteil, Wachmänner schliefen nachts?" Das hatte ich schon ein mal thematisch angekratzt. Zum einen ist es das typisch menschliche "Von-Sich-Auf-Andere-Schließen": Wer als Tagesmensch schlaflose Arbeitsnächte für sich selber nicht vorzustellen vermag, der glaubt, dies sei bei anderen dann ebenso unmöglich. Es handelt sich also einfach um einen Denkfehler. Zum anderen aber sind viel mehr Menschen wirtschaftlich gezwungen, nachts zu arbeiten, die biologisch dazu gar nicht geeignet sind. Sie schlafen in der Tat dann oft ein. Und zum Dritten gibt es wie überall im Leben auch ziemlich dreiste Zeitgenossen, die tagsüber irgendwelchen Tätigkeiten nachgehen und nachts eine Stellung annehmen, in der sie ein paar Stunden schlafen können. Solche Leute mag ich nicht, auch nicht bei allem Verständnis für ihre individuelle Situation, denn sie bringen durch ihr Verhalten eine gesamte Branche in Verruf. Du musst bedenken, wenn ein einzelner Wachmann beim Schlafen "erwischt" wird, so ist das vorhandene Vorurteil desjenigen, der ihn geweckt hat, für weitere 100 Jahre fest zementiert. Es ist hier so ähnlich wie beim Feuerwehrmann der Freiwilligen Feuerwehr: Der eine Brandstifter unter ihnen fundamentiert für Jahrzehnte das Vorurteil in der Bevölkerung, Pyromanen seien vermehrt bei der Feuerwehr anzutreffen.

Aber wie eingangs erwähnt, bei der Nachtarbeit handelt es sich thematisch um solch ein weites Feld, dass vieles hierzu von mir unerwähnt bleibt, obwohl ich eine Diplomarbeit darüber verfassen könnte - so viel hätte ich dazu zu sagen. Und ja, auch zum biologischem Alter - für junge Leute ist das, was ich mache, auch nichts, sie brauchen Abenteuer, hier wäre es ihnen absolut zu langweilig - was auch schlimm wäre, wäre es nicht so.

Noch etwas scheint mir aber wichtig in diesem Zusammenhang: Neben der biologischen Bestimmung muss auch die Psyche mitmachen, das heißt, für den Beruf des "einsamen Wachmanns" muss man sich mögen, mit sich selber auskommen und in der Lage sein, sich alleine zu beschäftigen. Vielen Menschen ist ihr Selbst aber auf Dauer unerträglich. Andere können nur mit Interaktion der anderen produktiv sein und wieder andere benötigen andere Menschen oder stressige Bedingungen bei ihrer Arbeit, um möglichst von sich selber abzulenken. Naja, auch das ist ein weites Feld.

Es ist ebenfalls ein Vorurteil, dass nur depressive Menschen nachts tätig seien, oder Verlierer der Gesellschaft, oder Egozentriker und dergleichen. Wie in allen Berufen, so gibt es sie sicher auch unter den Wachleuten, wer aber seelisch erkrankt ist, wird nicht lange diese Tätigkeit ausführen.

Hach, was schreibe ich mir heute mal wieder für einen Stiefel zurecht, nicht zu fassen, ich hör ja schon auf ;-)

Vorhin hatte ich übrigens mit einem Teil von Ellis gekochtem Schinken zwei Igel gefüttert. Die können ihn gut gebrauchen, legen sie sich doch demnächst einen ganzen Winter lang aufs Ohr. Winterschlaf ist ja auch so ein fantastisches Ding, das hat was, finde ich.

Abschließend noch mal ein Alltagsbild. Es sind nur Reste kleiner Sägespäne hier auf dem Boden. Eigentlich hatten sie schön gefunkelt, geglitzert wie Sterne, konnte ich aber so nicht aufs Foto bringen. Nun sieht's fast aus wie eine Marslandschaft, was.