22. Nacht:  Angst bei der Arbeit?

<xx>   Tagelang war's ruhig auf meiner Baustelle, seit heute ist plötzlich der Teufel los. An jeder Ecke des Arsenals stehen Trauben Jugendlicher und junger Erwachsener. Die halbe Nacht lang. Um und sogar auf der Baustelle ist Elli derzeit arg beschäftigt, stöbert Liebespärchen auf, erschreckt sie fürchterlich. Das lässt mich wieder mal erinnern:

Über Jahrzehnte nahm ich scheinbar fälschlicher Weise an, die Jugend heute findet bessere Möglichkeiten, sich lieb zu haben als ich selber in meiner Jugend. Die fand nämlich vorwiegend draußen statt - und ja, auch auf Baustellen. Früher war es ein Tabu und darüber hinaus auch technisch gar nicht möglich, die junge Liebe mit nach Hause zu nehmen, um unbeobachtet und ungestört miteinander zu sein. Diese Zeiten seien vorüber, dachte ich lange. Doch mittlerweile wird so etwas wieder zur Gewohnheit für viele. Ist ja auch eigentlich klar bei der Menge Menschen "mit Migrationshintergrund", deren Familien vielköpfig in kleinen Wohnungen leben - die jungen Leute müssen schließlich irgendwo unter ihresgleichen sein. Zu Hause lieben, das geht schon mal gar nicht - was bleibt daher? Dasselbe wie meiner Generation. Deshalb würde ich niemals die Polizei hinzuziehen, wenn Elli mal wieder ein Pärchen aufscheucht. Peinlich berührt und kleinlaut sind die so schnell verschwunden - husch, husch, dass bloß niemand davon Wind bekommt. Eine Kollegin ruft jedes Mal die Polizei. Und hier findet sich bereits ein großer Unterschied in der Qualität von Wachleuten: Manche nehmen sich zu ernst und andere erleben bei jedem Geräusch im Dunklen die pure Angst.

Etwas tun muss man gegen alkoholisierte Zerstörer der Baustelle und gegen Diebe (selbst herumliegende Kabel etc. haben heutzutage einen immensen Wert). Es geht heute anders als vor Jahren längst nicht allein um Diebstahl von Maschinen, Fahrzeugen und Werkzeugen. Es wird versucht alles zu stehlen, was irgendwas an Wert hat. Gegen Gruppen Jugendlicher muss auch etwas unternommen werden, denn zu groß ist das Risiko neben Beschädigungen, die teure Bauverzögerungen zur Folge haben, eines Unfalls, ist doch alles dunkel und ungesichert. Aber auf Liebespärchen die Polizei zu hetzen, ist eine eindeutig zu krasse Maßnahme - zumal die Polizisten am Anfang zwar noch amüsiert, nach zu vielen solcher Anforderungen aber bereits eindeutig genervt davon sind.

Aber ich weiß, weshalb meine Kollegin so reagiert: sie hat Angst. Und das bringt mich zum heutigen Thema. Inwieweit hat ein Wachmann Angst bei seiner Tätigkeit bzw. habe ich Angst?

Diese Antwort fällt mir sehr leicht. Noch niemals hatte ich "wirkliche" Angst bei meiner Arbeit. Ich meine hiermit nicht eine Aufregung oder das Steigen des Adrenalinspiegels. Hätte ich auch nur ein Mal echte Angst gehabt, wäre es nicht "meine Arbeit" und ich wäre längst kein Wachmann mehr. Man kann schlecht zufrieden mit der Arbeit sein, wenn man ständig Angst hat. Vorsicht und Respekt sind etwas anderes. Man muss Situationen und Menschen richtig einschätzen können, so dass einem nichts passiert - aber die Angst ist ohne Ratio, sie zerfrisst einen auf Dauer, sie lässt einen intuitiv zwar einiges richtig aber sehr viel mehr falsch machen, sie verschlimmert unsichere Situationen. Angst ist immer das Vorzimmer der Panik, und bei Panik während der Arbeit wird es sogar lebensgefährlich für alle Beteiligte.

Wachleute sind keine Polizisten, deren Job der gefährlichere ist. Als Wachmann bin ich viel eher eine wandelnde Videokamera und Alarmanlage in einem. Wer meint, einen Einbrecher unbedingt selber auf frischer Tat festsetzen zu müssen und ihn dazu in eine Ecke drängt, wird dasselbe erleben bzw. dieselben Reaktionen zu spüren bekommen, die ein Tier begeht, das in eine Ecke gedrängt nur noch seinen Ausweg im verzweifelten Angriff sieht. Dummer Wagemut ist also genauso Fehl am Platze wie ständige Angst. Bei aller Aufgeregtheit hilft in einem Fall der Fälle nur möglichst kühle rationale Abgeklärtheit - und nach meiner Erfahrung im Umgang mit Menschen - allein Deeskalation und ein beruhigendes Einwirken. Denn meistens haben der Dieb, der Einbrecher oder der jugendliche Randalierer selber die größere Angst. Wenn dann Angst auf Angst trifft, geht es sicher nicht gut aus.

Zu diesem Thema gäbe es ebenfalls noch eine Menge mehr zu sagen, zum Beispiel wann autoritäres Auftreten besser ist als deeskalierendes, verbrüderndes Verhalten und umgekehrt. Wo die Grenzen dessen liegen. Oder wie man trotz eigener Aufregung sich dennoch Daten, Fakten, Bilder, Situationen usw. merken kann, um sie so detailgetreu wie möglich hinterher zu Protokoll geben zu können. Da gibt es Mittel und Methoden, so etwas zu trainieren - mancher macht es von Natur aus richtig, ein anderer kann es erlernen. Aber hierbei gilt wieder: Angst lähmt! Angst, Panik und Schock stehen ganz dicht beisammen - Unfallschilderungen kennt die Polizei zur Genüge, bei denen plötzlich aus einem blauen PKW im Laufe der Beschreibung hinterher ein roter Schwerlasttransporter geworden war.

"Haben Frauen mehr Angst als Männer?" Ich glaube es nicht. Es sind weniger Frauen als Wachleute beschäftigt - aber ich kenne ängstliche Männer genauso wie ängstliche Frauen. Mein persönlicher Erfahrungswert liegt derzeit bei 2 zu 1, also ich kenne zwei ängstliche und eine nicht ängstliche Kollegin. Bei Männern kann ich das Verhältnis schlechter bestimmen, denn Kollegen überspielen oft ihre Angst sehr gut. Von daher schätze ich es zwischen Männern und Frauen ziemlich gleich ein.

Eine Bemerkung möchte zum Schluss für heute aber noch loswerden. Einbrecher oder Diebe sind Menschen wie du und ich. Neben der Beschaffungskriminalität (die ganze Unzurechnungsfähigkeit aufgrund diverser Süchte) ist es meist die reine wirtschaftliche Not, die Menschen zu Dieben werden lässt. Diese Menschen haben genauso Familien, Kinder und Lebenspartner wie wir alle, es sind keine Menschen zweiter Klasse! Das habe ich oft schon jungen Wachleuten versucht zu erklären, leider meist erfolglos. Ich finde, dies muss man auch manchem Heißsporn bei der Polizei viel besser erklären. Und last but not least: Es macht immer der Ton die Musik. Viel ist gewonnen, wenn man das Gegenüber oder das mögliche Gegenüber besser versteht, wenn man seine Sicht nachvollziehen kann und Autorität nur als Werkzeug, nicht aber als Selbstzweck benutzt.

Die Aufgabe eines Wachmanns besteht nicht im Jagen oder Fangen von Einbrechern, sondern im Schutz des anvertrauten fremden Eigentums. Dieser Schutz ist durch die Anwesenheit, einem entsprechenden besonnenen Verhalten sowie durch die Aufmerksamkeit des Wachmanns zu 90 Prozent gewährleistet. Für alles andere ist die Polizei zuständig. Von daher gibt es keinen wirklichen Grund für Angst bei der Arbeit - Angst hätte ich inmitten einer belebten Menschenmenge, in der der Einzelne anonym wird, nicht aber in dunklen Ecken, in denen er zum Hauptdarsteller wird.