23. Nacht:  Diskretion und warme Füße

<xx>   Morgen steht meine zweite freie Nacht an, so dass ich mich momentan in "Freitagsstimmung" befinde. Anfang nächster Woche findet eine Art Bauabnahme statt, wichtige Arbeiten neigen sich also dem Ende entgegen, obwohl noch sehr, sehr viel zu tun ist. Die bevorstehende Abnahme führt bei den Firmen und Handwerkern zu gehörigen Stress. Arbeitszeiten werden nun flexibler gehandhabt, so dass bis spät abends und auch samstags kräftig gewerkelt wird. Hektik macht sich allerorten breit, Nervosität ist zu spüren, Schimpfen und Fluchen hallt durch Hallen und Räume - und was dabei dem Wachmann als vermeintlich neutrale Person so alles erzählt wird, ist, ich nenne es mal, höchst interessant.

Das ist überhaupt ein kaum beachtetes Thema. Ein Wachmann sitzt zwar in gewisser Weise im selben Boot aller Beschäftigter, doch er steht auch außer Konkurrenz und hat mit niemandem eigentlich direkt etwas zu tun. Deshalb wird er von ihnen, ohne dass sie darüber überhaupt nachdenken, oft als Blitzableiter oder Kummerkasten benutzt. Einige Handwerker schütten ihm tatsächlich ihr halbes Herz aus. Sie erzählen beispielsweise, was seit Wochen oder sogar Monaten ihrer Meinung nach alles falsch gelaufen ist, wie ahnungslos natürlich ihre jeweiligen Chefs sind, und am Ende stehen die großen Verantwortlichen wie Bauherr, Architekt usw. selbstredend als vollkommene Nieten da. Menschlich ist so etwas, es menschelt halt, unter Stress und Hektik allemal.

In meiner 15-jährigen Tätigkeit als Wachmann in einem einzigen Betrieb des öffentlichen Dienstes war ich am Ende in alle nicht legalen Geheimnisse eingeweiht gewesen, denn in emotionalen Ausnahmezuständen plappern die Menschen jede noch so strenge Vertraulichkeit aus - so ähnlich wie bei einem Beichtvater. Im Kleinen findet dasselbe eben auch bei zeitlich begrenzten kurzen Aufträgen statt. Und hier tritt eine weitere Eigenschaft des Berufes des Wachmanns zum Vorschein, nämlich die Diskretion. Sie ist genauso ein Wesensmerkmal meiner Tätigkeit wie die Sicherheit - und da ich sowieso die Menschen kenne, weiß ich auch gut abzuschätzen, wie relativ dann doch alle vermeintlichen Fehler, Vorwürfe, Fakten usw. sind. Aber es ist dabei egal, wer etwas beichtet: Ob Chefarzt, Stationsarzt oder Krankenschwester, während ruhiger Zeiten der Nachschichten wird dem Pförtner alles erzählt. Berufliches, privates, intimes, geheimes ... der Pförtner ist das Äquivalent zum Wachmann. In einem Notfallkrankenhaus hatte ich auch einige Jahre als Pförtner gearbeitet. Deren Aufgaben sind wesentlich umfänglicher, die Bezahlung hingegen fast genauso schlecht. Das nur mal nebenbei bemerkt.

Aber auch offiziell wird dem Wachmann Einblick in jeden erdenklichen vertrauenswürdigen Bereich gewährt, so er der Sicherheit unterliegt. Nicht nur die alleinige Schlüsselgewalt, Kontrolle über die Alarmtechnik und dergleichen gehören zum Aufgabengebiet, er kennt sämtliche interne Abläufe haargenau. Nicht selten zählen auch die eher "nicht so schönen Maßnahmen", die ein Auftraggeber manchmal zu treffen hat, zu seinem Aufgabenfeld. Diebstähle und Schäden aller Art entstehen zum weit größten Teil von innen heraus. Es sind die eigenen MitarbeiterInnen, die, aus welchen Gründen nun auch immer, eine Firma schädigen. Oft dumme Menschen, die den Ast, auf dem sie sitzen, selber ansägen und dies nicht einmal begreifen. Nun ja, was soll ich jetzt anderes dazu sagen als: ein weites Feld. Im Vergleich zu seiner definitiven Unterbezahlung und der oft geringen Wertschätzung der Allgemeinheit, übt ein Wachmann eine gehörige Verantwortungsposition aus, in der die Verschwiegenheit eines der ganz großen Themen für ihn ist.

Das ist übrigens auch der Grund, weshalb du als Leserin und als Leser in dieser Miniserie zu keinem Zeitpunkt auf einem Foto oder in geschriebenen Worten einen konkreten Bezug zu meiner derzeitigen Tätigkeit findest. Alles ist ziemlich allgemein gehalten und könnte irgendwo in Deutschland auf irgendeiner Baustelle geschehen. Bestimmte Hinweise auf Fotos schneide ich aus, bevor ich sie dir zum Anschauen präsentiere. So auch beim folgenden Bild, das als Gesamtheit unbeschnitten eigentlich viel besser wirken würde. Aber es ist trotzdem toll, denn die Umstände dieses Bildes sind lustig:

Vor dem Bau wurde neu asphaltiert. Gewaltige Maschinen teerten eine große Fläche. Und da die Zeit knapp geworden ist, wird wie erwähnt auch samstags gearbeitet. Jetzt noch ist diese Fläche dermaßen frisch, dass sie unter den Schuhen beinahe klebt - und warm ist sie. Ich kann's schlecht schätzen, aber bei momentan um die 8 Grad Außentemperatur ist der Asphalt so wohlig warm wie dies unter einer Daunenbettdecke im kalten Winter vielleicht der Fall ist. Elli kann ihr Glück kaum fassen. Sie möchte ständig aus der zugigen Halle hinaus ins Freie, da legt sie sich dann auf den Asphalt und findet es klasse, so gemütlich kuschelig die Umgebung zu beobachten. Kalter Wind von oben aber schön behaglich der Boden. Und beim Kontrollgang immer warme Füße :-)