27. Nacht:  Sit-In und Revolution von unten

<xx>   Nun sitze ich im Regen - nein, stimmt nicht, ich sitze in einer Halle, die zwar offen ist aber als Dach überm Kopf den Regen abhält. Obwohl es alle paar Meter durchs Dach hinein regnet. Die Handwerker haben noch einiges zu tun. Nasskalt und zugig ist es, alles wird langsam klamm und so weiter. Nicht schön. Es gibt aber weitaus Schlimmeres. Außerdem hatten wir bisher mit dem Wetter Glück gehabt und noch dazu verspricht der Wetterbericht fürs Wochenende wieder Wärme um 20 Grad. Blöd ist halt nur, dass wir nicht ins Gelände können, da alles tief matschig ist und mir zu regnerisch. Auch für die alte Elli ist das nicht gesund, wir beide sitzen ja in der feuchten zugigen Halle, und wenn sie dann stundenlang nass ist - nein, nein, da veranstalten wir heute lieber eine Sitzwache. Ein Sit-In-Revival sozusagen.

Wir befinden uns nicht wie sonst üblich in einem abgelegenen Industriegebiet, sondern auf einer zentral städtisch gelegenen Baustelle. Ich kann weit sehen über Plätze und Hauptverkehrsstraßen und so. Zweimal die Woche sehe ich ein Paar mit Fahrrädern und Taschenlampen leuchten. Suchend bewegen sie ihre Lampen über die großen Parkplätze. Wonach halten sie Ausschau? Vorhin in einer Regenpause waren sie ganz nah, da hatte ich mich bemerkbar gemacht und sie angesprochen. Kleiner Smalltalk nachts um 20 vor 3. Es stellte sich heraus, dass es Flaschensammler sind. Ein Ehepaar Ende 50. Sie sammeln Pfandflaschen nachts, da es ihnen tagsüber zu unangenehm ist. Potztausend! Damit hatte ich dann doch nicht gerechnet. Und gleichzeitig jagten sie mir einen ungeheuren Schrecken ein: bin ich das da? Sehe ich dort meine Zukunft?

Ich gehöre zu den Baby-Boomern, einer Generation, die schon bald extrem viele Rentner hervorbringen wird. Und die seit Jahren vermehrt in Niedriglohnbereichen ihr Auskommen finden muss. Seit kurzem verdiene ich erst den Mindestlohn, heute lese ich in den Medien, dass wieder "Wirtschaftsweise" ihn als größtes Übel beklagen.

Die Mieten steigen, der Lebensunterhalt wird zumindest nicht billiger - von der Rente wird das für viele nicht bezahlbar sein. Auch nicht für mich. Für private Vorsorge, die ausreichend wäre, reichte die Zeit nicht, Sparverträge und Versicherungen werden oft vor ihrer Zeit gekündigt, um zum gegenwärtigen Zeitpunkt überhaupt überlebensfähig zu bleiben. Also werden die Rentner arbeiten bis ins hohe Alter - bis zum Umfallen. Und da sind sie schon, das seriöse Ehepaar fährt nachts Flaschen sammeln, während niemand ihres sozialen Umfeldes davon auch nur eine Ahnung hat. Ist das auch meine Zukunft? Werden wir alle uns an solch einen Anblick auch tagsüber gewöhnen?

Da weht ein Zug feuchter kalter Luft durch die Halle und ich ziehe den Reißverschluss des Parkas bis ganz dicht unters Kinn. Nein, sage ich zu mir, so geht das nicht, das will ich selber nicht erleben und mich auch nicht an solche Anblicke gewöhnen müssen. So geht man nicht mit Menschen um! Die Jungen sehen nur ihre eigene Karriere, ich glaube nicht, dass man sich auf sie wird verlassen können - müssen also in Zukunft die Alten wieder auf die Straße gehen und Revolution machen?

Ich winkte den beiden Falschensammlern zum Abschied noch hinterher obwohl sie es im Dunkeln nicht sehen konnten. Dann ging ich auf und ab in "meiner Halle" und mache mir seit dem Gedanken, wie wir zukünftigen Alten diese Wachstumsgesellschaft stoppen können, denn es darf kein alleiniges wirtschaftliches Wachstum sein, das Kriterium des Handelns einer Gesellschaft ist, es muss Glück, Zufriedenheit und ein menschenwürdiges Leben in Bescheidenheit sein - und dafür wäre unsere wirtschaftliche Kraft eigentlich stark genug.

Es gärt in unserer Gesellschaft, Journalisten bekommen das noch nicht mit. Nur wer unten ist, der spürt ein Brodeln - ich habe erste Blasen dessen heute Nacht auf meiner Wache erlebt. Irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, da radeln sie nicht mehr Flaschensammeln, da begehren sie auf ...