29. Nacht:  Organisatorisches

<xx>   Auch ein Aspekt solcher Sonderbewachungen wie derzeit ist die mangelnde Gelegenheit, für den Alltag Lebensmittel zu besorgen. Darüber schrieb ich schon ein mal. Normalerweise werden vor der Arbeit die Arbeitszeiten mit der Firma abgesprochen und ich kann somit für ausreichend freie Tage sorgen, so dass ich tagsüber in den heimischen Märkten einkaufe. Wohlgemerkt wohne ich auf dem Lande und bin dort nur mit dem Fahrrad unterwegs, was kilometerweite Strecken und viel Zeit erfordert. Auch lebe ich alleine, so dass ich mich selber um alles zu kümmern habe. Schlussendlich mag ich nicht ständig jemanden fragen müssen, denn damit verpflichte ich mich ebenso für ein regelmäßiges halbes Stündchen Smalltalk mit dem "Warenlieferanten", und da dies irgendwann am Tage stattfinden würde, wäre es in etwa vergleichbar als klingelte es an deiner Wohnungstür um 4 Uhr morgens und du müsstest nun einen Einkäufer bespaßen oder die letzten Neuigkeiten aus seinem Leben ertragen bzw. anhören. Da würde ich mir sogar lieber wieder einen eigenen Wagen zulegen. Unabhängigkeit, die nicht mit Verantwortungslosigkeit zu verwechseln ist, war immer schon ein großes Thema.

So, nun hatte ich bei der gegenwärtigen Bewachung keinen entsprechenden "Deal" mit der Firma ausgehandelt aber die Bewachung verlängert sich um ca. eine oder zwei Wochen und fragen will ich also nicht - was bleibt übrig?

Einkaufen morgens nach der Arbeit. Da aber Elli den Platz im Hänger einnimmt und mein Rucksack und die Satteltaschen eh schwer genug bepackt sind, reicht der Platz nur für kleine Dinge. Nicht für mehrere Paletten Hundefutter. Nun ist Elli ausgerechnet ein solch eigenes Lebewesen, dass sie mit den Jahren tatsächlich nur eine bestimmte Sorte Hundefutter isst. Anderes Essen lässt sie unangerührt stehen. Sie hungert lieber tagelang als auch nur einen Happen davon zu probieren. Es ist einfach so, da mögen manche Hundebesitzer ihre Nase rümpfen - wenn Elli tagelang nichts isst, kann sie nicht mit mir die gemeinsame  Arbeit verrichten, Punkt. Also müsste ich (für meine Uhrzeit) spät abends gegen 11 Uhr oder mitten in meiner Nacht mehrere Kilometer ins hiesige Dorf radeln, um mit dem voller Hundefutter bepackten Anhänger das zu erledigen. Selbst die vorhandenen Vorräte gehen bei einer zweiwöchigen Verlängerung der Arbeit zur Neige und an unserem freien Tag, sonntags, sind die Geschäfte leider geschlossen. Es wäre natürlich möglich, nach der Arbeit stets nur für den Folgetag Ellis Essen einzukaufen, das würde dann aber einen Mehraufwand von täglich ca. 40 Minuten erfordern womöglich im Regen jedenfalls bei Wind und Wetter. Wer macht so etwas schon gerne jeden Tag nach einer 12-stündigen Arbeit?

Du siehst, sogar ein mini-kleines Alltagsproblem kann zu einer schwierigen Herausforderung werden. Freilich könnte ich einen zusätzlichen freien Tag dafür in Anspruch nehmen oder, wie gesagt, für mich mitten in der Nacht alles erledigen, doch da bot sich diese wunderbar moderne Gelegenheit eines Online-Shops bei EDEKA an. Ja genau, nur dieses Hundefutter akzeptiert die liebe Elli.

"Und deswegen schreibst du diese ellenlange Einleitung, nur wegen mangelnder Möglichkeiten und so?" Nein, eigentlich kommt's sogar noch dicker, denn im Grunde möchte ich hier und jetzt nur meiner Empörung über diesen völlig unzureichenden Shop Luft machen. Denn erstens sind sie dort nicht in der Lage, zu zählen, und es wird weniger geliefert als bestellt und zweitens ist die Größe der bestellten Dosen nur halb so groß wie im Laden vor Ort aber kosten fast denselben Preis. Und drittens habe ich mich über mich selber am meisten geärgert, dass ich nämlich nicht genau auf die Größenangabe geschaut hatte. Statt 300 Gramm eben nur 150 Gramm je Dose. Die sieht auf dem Foto aber genauso groß aus.

"Was hat das denn explizit mit dem Thema Nachtarbeit bzw. Baustellenbewachung zu tun?" Doch, doch, es gehört alles zusammen. Wer einen längeren Zeitraum nachts ohne freie Werktage rund um die Uhr auf der Arbeitsstelle verbringt und nicht gerade mitten in der Stadt lebt, wird es nachvollziehen können. Dann werden normale Alltagswege nämlich zur organisatorischen Herausforderung.

"Ja, Georg, was glaubst du denn, was berufstätige Mütter einkaufstechnisch so erleben, deren Lebenspartner morgens mit dem Auto zur Arbeit fort fahren und vor abends nicht mehr gesehen werden? Von Alleinerziehenden ganz zu schweigen." Richtig, lieber unbekannter Einwender, da ist etwas dran, das stimmt. Trotzdem ist ein um 12 Stunden zeitversetztes Leben noch einmal etwas anderes, es ist quasi das I-Tüpfelchen oben drauf auf das Organisationstalent alleinerziehender Mütter.

Lange Rede kurzer Sinn: ich bin zu abhängig vom EDEKA-Hundefutter, werde dort nie mehr online Waren bestellen und in der irgendwann kommenden arbeitsfreien Zeit neue ernährungsbedingte Versuchsreihen an Elli durchführen.

Und wer jetzt vielleicht meint, sein Hund würde aber alles essen, da gäbe es überhaupt keine Probleme, dem oder der sei gesagt, er/sie kennt Elli nicht! Eine 13-jährige Hündin kann dermaßen sturköpfig sein. Und ich vernehme außerdem bereits den Einwand, dies alles sei Erziehungssache, der ich folglich nur unzureichend nachgekommen bin - das wiederum erinnert fatal an die kleinen aber um so spitzeren Sticheleien bestimmter Mütter in Kindergärten, die da in etwa lauten: "Mein Jonas macht das aber nicht", oder "mit Jana hatten wir diese Schwierigkeiten aber noch nie".