34. Nacht:  Personenkontrollen

<xx>   Ein paar Gedanken möchte ich in der vorletzten Nacht des Sonderdiensts noch festhalten. Es geht ums Thema Personenkontrollen. Ein unangenehmes Thema für alle Seiten: für den Auftraggeber, für die kontrollierenden Wachleute und natürlich für den Kontrollierten.

Zuerst einmal zur Klarstellung: es hat nichts mit Leibesvisitationen zu tun, denn die ist ausschließlich Sache der Polizei. Bei einer Eingangs- oder Ausgangskontrolle wird lediglich ein Blick in die mitgeführten Taschen geworfen. Eine Tasche ist aber bereits ein sehr intimer und privater Ort. Noch dazu fühlt sich der Kontrollierte ausgeliefert wie etwa beim Zoll, denn er ist verpflichtet, dem Wachmann diesen Blick zu gewähren. Und er weiß das, denn sämtliche Mitarbeiter werden rechtzeitig über diese Kontrollen informiert. Wenn also tatsächlich jemand etwas stiehlt, so macht er das in der Gewissheit einer Kontrolle beim Verlassen des Firmengeländes. Dreist oder dumm, anders kann man einen solchen Diebstahlversuch eigentlich nicht bezeichnen. Nun denn, die weit überwiegende Mehrheit der Belegschaft stiehlt in einem solchen Fall nicht und fühlt sich daher in gewisser Weise in ihrem Vertrauen der Firmenführung gegenüber - ich will's mal neutral formulieren: herabgesetzt. Das ist sicher nicht förderlich für ein gutes Betriebsklima, daher werden solche Maßnahmen von der Firmenleitung auch nur in Ausnahmesituationen getroffen.

Ein Geschäftsinhaber beauftragt ebenso ungerne einen Wachschutz mit diesen Tätigkeiten, da jedem Inhaber lieber ein loyales und vertrauensvolles Verhältnis zu seinen Angestellten am Herzen liegt. Trifft er aber diese Maßnahmen, so liegen halt Gründe vor, die sie rechtfertigen, sprich, es wurde oder wird in der Firma gestohlen und eine Aufklärung war oder ist warum auch immer nicht möglich. Ein weiterer Grund für Personenkontrollen findet sich oft bei Baumaßnahmen, bei denen Mitarbeiter diverser Fremdfirmen kontrolliert werden, die keine Bindung zum eigentlichen Betrieb haben, wodurch die Hemmschwelle für Diebstahl deutlich gesenkt ist. Noch dazu werden die Konrollen meist nur in solchen Fällen angewandt, in denen ohne jede Alarmsicherung und aus baulichen Erfordernissen heraus, Waren, Werkstücke oder sonstige Erzeugnisse mit hohem Wert unverschlossen lagern. "Gelegenheit macht Diebe", sagt zu recht der Volksmund. Dies soll also verhindert werden.

Schließlich sind Personenkontrollen ebenso für die meisten Wachleute unangenehm, da sie in dem Augenblick der Kontrolle immer als eine Art Gegner des Kontrollierten betrachtet werden. Es ist die Pflicht des Kontrollierten, dieser Maßnahme zu entsprechen, die durchaus ein Gefühl des Ausgeliefertseins hervorrufen kann, und die Ausübung seiner beruflichen Tätigkeitist ist die Pflicht des Wachmannes, die ihm unbeabsichtigt in dem Moment der Kontrolle eine Autorität zuweist, die er oder sie vielleicht gar nicht haben möchte.

Jeder Beteiligte wünscht sich im Grunde, dass solch eine Personenkontrolle eigentlich nicht nötig sein sollte - und jeder Beteiligte weiß gleichermaßen, dass sie dennoch nötig ist. Ich selber empfand und empfinde so etwas immer als ein großes menschliches Dilemma: da tun Menschen etwas, was sie lieber nicht tun würden, aber sie werden gezwungen, es zu tun.

Wie kann so etwas sein?

Man könnte sagen, Diebstahl liegt in den Genen der Menschheit begründet. Wir stammen von den Jägern und Sammlern ab - nichts anderes kann auch der Diebstahl bedeuten. Zu weit hergeholt, findest du? Ich finde es sogar bezeichnend, dass kaum ein Dieb sich als solcher selber betrachtet. Fragt man jemanden, wieso er denn dieses oder jenes in seiner Tasche versteckt hatte, so erhält man oft Aussagen wie: "Ach, das habe ich gefunden, es lag so rum", oder er meint, und äußert dies aus tiefster Überzeugung heraus, jenes Teil wäre sowieso weggeworfen worden und sei für die Firma daher wertlos. Bei der Mitnahme handele es sich also eher um ein Kavaliersdelikt als um einen "wirklichen" Diebstahl. Die Ausrede: "Das macht doch jeder!", fehlt natürlich auch nie.

Meine persönliche Einschätzung besagt, dass mindestens in jedem 2. Haushalt unseres Landes, Dinge zu finden sind, die ungefragt von der Arbeitsstelle mitgenommen worden sind. Sei es ein bloßer Kugelschreiber oder die halbe Einrichtung der Hausbar. Von Werkzeugen oder Material für private Bautätigkeiten, Renovierungen oder dergleichen will ich erst gar nicht anfangen. Und ja, auch die Wachleute selber und sogar die Polizei nehmen sich von diesen Erfahrungswerten nicht aus. Das Thema Schwarzarbeit ist ein weiteres, das vordergründig zwar nichts mit persönlichem Diebstahl zu tun hat, so doch im Wesentlichen genau solch einen Diebstahl am Staat, also an der Allgemeinheit und somit an den Nächsten darstellt. Wieder mal ein thematisch weites Feld. Damit möchte ich auch lediglich zum Ausdruck bringen, dass prinzipiell niemand besser oder schlechter als ein anderer moralisch ist. Als Wachmann habe ich so etwas auch nicht zu beurteilen, obwohl ich es doch tu.

In meinem derzeitigen Sonderdienst komme ich einigermaßen (nein, sogar prima) um diese Kontrolltätigkeit herum. Ich habe mich davor gedrückt. Tatsächlich brauche ich das nur ein knappes Stündchen lang morgens zu tun - da dann aber alle möglichen Leute in den Bau hineingehen jedoch kaum jemand hinaus, bin ich diesbezüglich ziemlich arbeitslos. Beim Kollegen, der mich ablöst, ist's genau andersherum. Wieder also ein Vorteil der Nachtarbeit.

Jedenfalls habe ich dieses Thema der Personenkontrollen heute ein mal angerissen, unendlich viel wäre dazu noch zu sagen, vor allem aber sollte jeder wissen, wie unangenehm es eben auch für den Kontrolleur selber ist. Und wenn schon das nächste Mal wieder auf eine Kontrolle geschimpft wird, dann erinnert sich vielleicht jemand daran und schimpft dann mehr auf die Diebe als auf die Kontrolleure.

Gerade eben gegen 2:30 Uhr hatten Elli und ich übrigens eine unserer nächtlichen "Führungen" gemacht. Es finden in der Tat beinahe jede Nacht kleine inoffizielle, durch zufällige Besuche sich entwickelnde Rundgänge mit der Polizei statt, deren unterschiedliche Streifenwagenbesatzungen gerne diese Abwechslung im langweiligen Nachtdienst nutzen und sich die immer rascher fortschreitenden Bauentwicklungen mit Elli und mir anschauen. Ob in Zivil oder Uniform, mit einem Stern oder vielen versehen, eine große Baustelle ist für jeden gleichermaßen interessant.