35. Nacht:  Die letzte Nacht

<   Die letzte Nacht der Baustellenbewachung. Es ist die erste, die ich nicht alleine verbringe. Trupps von Menschen der Reinigungsfirmen wirbeln übers Parkett. Sie könnten gerne auch bei mir privat vorbeischauen, hier vertreiben sie mich Stück für Stück in die letzten dreckigen Ecken, jaja, nun wandelt sich der Bau vom hässlichen Entlein zu einem schmucken Schwan. Vom dunklen fensterlosen Rohbau in nur knapp einem Monat zum fast fertigen, hell erleuchteten Vorzeige-Bau. Es ist fast wie Magie.

Jemand der Putzkolonne ruft einem Kollegen im holländischen Akzent zu: "Nur noch feif Stonde!" Das bedeutet für mich jetzt gegen zwei Uhr nachts: durchgehend mehrere Reinigungsmaschinen als Geräuschkulisse bis zum Feierabend, wobei eine es mit dem Lärm eines halben Dutzend Staubsaugern locker aufnehmen kann, und da den Herren Gebäudereiniger dieser Krach wohl selber viel zu laut ist, plärrt ein Radio in der Halle in voller Lautstärke. Diese Nacht werde ich von platten Schlagern und exzessiver Werbung unterhalten - wieso müssen Werbespots im Radio eigentlich ausschließlich aus schreienden Menschen bestehen? Als ob die Verkündigung des verbilligten Flugtickets nach Malle oder der besonders günstige Versicherungstarif, als ob der Handyvertrag oder der Sonderpreis des Nescafes um halb drei Uhr marktschreierisch in die Nacht gerufen irgendwen zum sofortigen Kauf anspornen würde.

In diesem Ambiente geht nun also meine letzte Nacht zu Ende. Die nächste Sonderbewachung steht für Dezember an. Ein Weihnachtsmarkt. Und schon wird also erneut ein Jahr vorüber sein.

Gerade just im Augenblick werde ich aus meiner letzten schmutzigen Ecke vertrieben, die wird nun ebenfalls gereinigt. Ich komme kaum mehr zum Schreiben. Was Elli macht? Verstört dreinblicken und die Männer ständig anbellen, seit Stunden behält sie die großen silbernen Reinigungsmaschinen in der Nähe in Argusaugen, sind sie in Ellis Verständnis doch lärmende und wütende Ungeheuer, deren Bewegungen und Wege für sie unkalkulierbar bleiben.

So verstreichen die Stunden.

Und wiederum gerade im Moment findet ein Karaoke-Wettbewerb statt. Die Holländer singen um die Wette. Wunderbar, das ist doch schon viel besser als das Radio, prima Live-Unterhaltung nachts um vier Uhr. Ich überlege, dort lauthals einzusteigen, bin leider nur nicht ganz so textsicher, was aktuelle Schlager betrifft. Trotz all der Hektik des ihnen aufgebrummten Zeitplans, arbeitet die Putzkolonne gut gelaunt durch die Nacht. Und ihre gute Laune wirkt auf mich ansteckend.

Vieles habe ich vergessen in diesem 35-tägigen Spezial zu erwähnen. Es sind einfach nicht alle beruflichen, persönlichen und gesellschaftlich relevanten Bereiche in solch einer kurzen Zeit anhand dieser einen Baustellenbewachung abzudecken. Es fehlt reichlich, zumal der Beruf des Wachmanns so ungeheuer vielfältig ist, dass man beinahe sagen kann, so unterschiedlich die Charaktere der Menschen sind, so vielfältig entsprechen ihnen die Einsatzgebiete im Wach- und Sicherheitsgewerbe. Dies ist wieder ein Grund, weshalb die Vorurteile in der Bevölkerung definitiv auf diesen Beruf nicht zutreffen - vergleichbar vielleicht, als würde der ADAC einen VW-Golf testen und dann alle Autos danach bewerten, den Sportwagen genauso wie den LKW - so etwas funktioniert halt nicht.

Die Nacht ist fast vorüber und mit einem Hauch des Morgens kommt auch leichte Wehmut auf. Tatsächlich. Einerseits ist es genug Zeit, die Elli und ich auf der Baustelle verbracht haben, andererseits kennen wir nun jeden Winkel wie unsere Westentasche und können allen geheimnisvollen Geräuschen sofort ihre Ursachen zuordnen. Ein zweites Zuhause, The Second Home.

Zwei Fotos, die in ihrem realen Abbild der Baustelle wohl noch lange in meiner Erinnerung haften bleiben, reiche ich noch nach.

Die "Luftkreuzungen", die für mich als Sinnbild der Industrie stehen (man kennt von Hochöfen ähnliche, um ein Vielfaches kompliziertere Bilder) und die von einem Elektriker auf Pappe handgeschriebenen Warntafeln für die Kolleginnen und Kollegen der anderen Gewerke. "Spannung" - das ist nämlich auch der treffendste Begriff für den täglichen Wechsel, der diesen Bau in seiner Entstehung kennzeichnet. Spannung auf allen Ebenen, Spannung als Synonym fürs täglich Neue, für Erwartungen und Enttäuschungen, für ein Wachsen und Werden schlechthin.